Z+ Wissenschaft in den USA
Da zerbricht etwas
Die deutsche Wissenschaft ist eng mit der amerikanischen vernetzt.
Jahrzehntelang war das ein Vorteil. Nun wird es zur Bedrohung.
Von Dr. Stefan Schmitt und Martin Spiewak
Aus der ZEIT Nr. 15/2025
Es war eine kurze E-Mail aus Washington, die Claudia Denkingers Forschung in Heidelberg stoppte. „Kaum ein Absatz Text war das“, sagt die Medizin-Professorin. Sie hält Daumen und Zeigefinger zwei, drei Zentimeter auseinander. „Wir dürften nicht mehr weiterarbeiten, kein Geld mehr ausgeben.“ Ein paar Wochen später sei noch ein termination letter gekommen. „Unser Projekt stehe nicht im Einklang mit den Forschungsprioritäten der US-Regierung“, hieß es darin, erzählt Denkinger. Sie leitet die Abteilung für Infektions- und Tropenmedizin am Uniklinikum in Heidelberg. Ihr internationales Team forscht an einer besseren Diagnostik für Tuberkulose, einen der großen Killer unter den Infektionskrankheiten.
Unterstützt wurde die Arbeit der Wissenschaftler bislang von der amerikanischen Entwicklungsbehörde USAID. Aber Forschungsfelder wie ansteckende Krankheiten ächtet Donald Trump ebenso wie wissenschaftliche Arbeiten zu Diversität und Gender, sozialer Ungleichheit und Umwelt. Und sein Angriff auf die Wissenschaft hat Auswirkungen weit über Amerika hinaus, das wird langsam sichtbar. Rund zwei Dutzend Anfragen an Hochschulen, Forschungsorganisationen und einzelne Personen hat die ZEIT gestellt. Nicht alle wollten sich äußern. Doch es gibt Beispiele, die zeigen, wie Teile der Forschung in Deutschland von den USA abhängig sind – bei Daten, Personal, Infrastruktur und Kooperationen.
Da sind etwa die rund viertausend schwarz-gelben Bojen, die zylindrisch und etwa mannshoch auf den Ozeanen treiben. Autonom tauchen sie in die Tiefe, messen, übertragen per Funk ihre Daten. Argos heißen diese Sensoren der Weltmeere. Sie werden zur Hälfte von den Amerikanern finanziert. Das drückt sich nicht nur in US-Dollar aus. Es sind auch US-Forscher auf US-Schiffen, die einen großen Teil der Bojen aussetzen, warten, austauschen. Bislang.
Die USA sind eine Säule der Klimaforschung
Was, wenn die Argodaten versiegen? „Das würde nicht nur uns einschränken“, sagt Michael Schulz von der Deutschen Allianz für Meeresforschung, „sondern auch die Wettervorhersage und das Verständnis vom beschleunigten Klimawandel.“ Klima, auch so ein Thema non grata in Trumpland. Dort hat die Meeresforschungsbehörde NOAA bereits ein Zehntel ihrer Belegschaft verloren, eine Halbierung wird befürchtet.
Die Erschütterungen sind bis an die Universität Bremen spürbar. Hier erforscht Schulz unter anderem den Ozeanboden. Er berichtet, für Meeresbiologen wichtige Genom-Datenbanken der National Institutes of Health (NIH) seien bereits offline, Server mit Daten zur Küstenveränderung nicht mehr erreichbar, Messungen zur Luftqualität nicht mehr zugänglich. „Aber wir hören nichts Konkretes“, sagt er. Seine Vermutung: Viele US-Kollegen hätten „einen Maulkorb“ bekommen.
Viele US-Gutachter wollen offenbar nicht mehr an deutschen Projekten mitwirken, das hat man bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) beobachtet. Die DFG ist die größte Förderorganisation und zugleich das wichtigste Selbstverwaltungsgremium der Wissenschaft in Deutschland. „Außerdem sind die Ausschreibungen von neuen Programmen im Bereich Mathematik, Cybersecurity, Chemie derzeit auf Eis gelegt“, berichtet DFG-Präsidentin Katja Becker. Sie verweist darauf, dass die NIH bislang der „weltweit größte Förderer von biomedizinischer Forschung“ seien. Kürzungen wirkten sich da „ziemlich unmittelbar“ auch auf Deutschland aus. Und Daniel Krupka, Geschäftsführer der Gesellschaft für Informatik (GI), sagt, er habe noch kein umfassendes Bild von der deutschen Abhängigkeit, aber: „Im Bereich KI ist sie größer als in anderen Bereichen.“
In der deutschen Forschung breitet sich ein Gefühl der Verletzlichkeit aus. „Es gibt viel Unsicherheit, viele Gerüchte und Spekulationen, ob Daten weiterhin zugänglich bleiben“, sagt etwa Sören Lorenz vom Geomar in Kiel und Co-Sprecher des Helmholtz-DataHub Erde und Umwelt. Von „sehr großer Verunsicherung“ spricht der Bremer Meeresforscher Schulz. „Ich glaube, dass wir dramatische Dinge erleben werden.“
17 %
der patentierten Forschung deutscher Unternehmen
finden in den USA statt.
Die Medizinerin Claudia Denkinger, die das Drama schon erlebt hat, beantragt nun beim Deutschen Zentrum für Infektionsforschung eine Überbrückung, um ihre Leute weiter bezahlen und das Projekt wenigstens zum nächsten Zwischenschritt retten zu können. Jürgen Graf, ärztlicher Direktor der Frankfurter Universitätsmedizin, berichtet von einem Fall, in dem US-Forschungsförderung vorübergehend blockiert gewesen sei. Schon lange kooperiere man mit Instituten und Kliniken in den USA, dadurch bestünden „Abhängigkeiten bezüglich Daten und Projektplänen“. Graf erklärt: „Hier werden durchaus Einschränkungen erwartet.“
Wer Pech hat, steht von heute auf morgen ohne Budget da. Insgesamt jedoch ist die amerikanische Finanzierung noch das überschaubarste Problem. Die Charité als größte Universitätsklinik Deutschlands erklärt, weniger als eine Million Euro habe die Förderung durch staatliche US-Institutionen im Jahr 2024 betragen, insgesamt würden weniger als ein Prozent aller laufenden Forschungsprojekte auf diesem Weg gefördert. Fragebögen aus den USA habe man bislang nicht erhalten.
Die Furcht vor dem nächsten Angriff
„Fragebögen“, damit sind solche inquisitorischen E-Mails gemeint, wie niederländische, schweizerische und britische Forscher sie von US-Regierungsbehörden oder -Projektpartnern erhalten haben: 36 Fragen unter anderem zu „freier Meinungsäußerung“ und dem „Schutz von Frauen vor Gender-Ideologie“ sollten binnen 48 Stunden beantwortet werden. Von deutschen Hochschulen sind solche Posteingänge bislang nicht bekannt. Doch die Fälle in den Nachbarstaaten nähren die Furcht vor dem nächsten Angriff – ausgerechnet durch den wichtigsten Forschungspartner.
Drei Zahlen veranschaulichen die Ausnahmestellung der USA für Deutschland:
Etwa 19 Prozent aller Publikationen deutscher Naturwissenschaftler entstanden in Co-Autorenschaft mit amerikanischen Kollegen. So hat es das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung erhoben.
17 Prozent der patentierten Forschung deutscher Unternehmen finden nach Analyse des Wirtschaftsforschungsinstituts Prognos in den USA statt.
Mehr als 2.300 Kooperationen haben deutsche Hochschulen mit US-amerikanischen geschlossen, laut einer Analyse der Hochschulrektorenkonferenz 2024. Nur mit Frankreich gab es mehr.
Wissenschaft lebt von internationalem Austausch
Dieser Grad der Verschränkung offenbart sich nun als Schwachstelle. Dabei schien die enge Kooperation jahrzehntelang erstrebenswert: Die Klügsten sollten mit den Klügsten zusammenarbeiten. Die Kosten für teure Infrastruktur und Großforschungseinrichtungen sollten auf viele Schultern verteilt werden. Wissen sollte frei fließen können – zum Vorteil aller Beteiligten.
19 %
aller Publikationen deutscher Naturwissenschaftler
entstanden gemeinsam mit US-Kollegen.
Die internationale Zusammenarbeit beschreibt Wolfgang zu Castell vom Helmholtz-Zentrum für Geoforschung am Beispiel der Erdsystemforschung. Das Zentrum beobachtet Erdbeben und vermisst gemeinsam mit US-Institutionen die Veränderungen der Erde. Satelliten funken dafür ihre Rohdaten zunächst zu einer europäischen Bodenstation. Bevor sich daraus aber praktische Einsichten ergeben, etwa über die Meeresspiegel, ist ein grenzüberschreitendes Pingpong nötig. In zu Castells Schilderung klingt das ganz ähnlich wie die Produktion eines Smartphones oder eines Autos, bei der die einzelnen Bauteile von zig unterschiedlichen Orten stammen und im Herstellungsprozess von Land zu Land wandern. „Die Daten werden verarbeitet, korrigiert, weiterverarbeitet und angereichert“, sagt zu Castell. Diese Schritte liefen „mal in den USA, mal bei uns“. – Und auch Partner im Bereich Erdbeobachtung sind Ziel der Trumpschen Kürzungen.
Von „weaponizable dependencies“ sprechen Sicherheitsforscher, wenn Abhängigkeiten irgendwann missbraucht, ja als Waffe eingesetzt werden können. Wo und wie man in der Forschung auf diese Weise von der Zusammenarbeit mit den Amerikanern abhängig ist, wird nun überall von deutschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eilig kartiert. Die Helmholtz-Gemeinschaft deutscher Forschungszentren verschafft sich aktuell einen Überblick, die DFG ebenfalls. Und der nächsten Bundesforschungsministerin (oder dem nächsten -minister) steht eine knifflige Aufgabe ins Haus: sich rasch ein realistisches Bild zu machen und zugleich den Worst Case auszuloten.
Paul Donner vom Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung in Berlin glaubt, falls die USA ihre bisherige Stellung als globaler Kooperationspartner auf Dauer nicht mehr aufrechterhielten, stünde das Wissenschaftssystem vor einer massiven Umorganisation. Davon, so betont Donner, sei man noch weit entfernt – bei allen Schreckensmeldungen.
Ihr sei noch keine Studie, keine Berechnung bekannt zu den „tatsächlichen Auswirkungen des Forschungs-Kahlschlags, den Trump derzeit in den USA unternimmt“, sagt die Potsdamer Nachhaltigkeitsforscherin Charlotte Unger. „Das wirkliche Ausmaß wird sich erst in ein paar Jahren zeigen.“
Mitarbeit: Jan Schweitzer
Aktualisiert am 11. April 2025, 8:05 Uhr | Aus der ZEIT Nr. 15/2025 | Autoren: Dr. Stefan Schmitt und Martin Spiewak | Mitarbeit: Jan Schweitzer
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